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17.02.2025

Interview: Hoch hinaus mit Lucas Tiefenthaler

Lucas Tiefenthaler ist jung, hungrig nach Abenteuer und Fotograf aus Neid und Leidenschaft.

Lucas Tiefenthaler Landschaftsfotografie
Lucas Tiefenthaler

In malerischer Kulisse vor der Haustür aufgewachsen, zieht es den sympathischen Österreicher mit der Kamera in der Hand zu den spektakulärsten Orten der Welt. Wir sprechen über den Anfang, die Motivsuche zwischen schneebedeckten Gipfeln und Haien im Ozean und beleuchten den Weg zum Finalisten der Red Bull Illume Quest. Dabei ist es unmöglich, sich nicht von seiner Motivation mitreißen zu lassen.
Instagram: @lucas_tiefenthaler

Wie hast du mit dem Fotografieren angefangen?

Meine fotografische Reise begann ganz einfach. Ich habe mir als Kind eines Tages die Kamera meiner Eltern ausgeliehen und gemerkt, dass mir das Fotografieren Spaß macht. Es war eine alte Filmkamera, bei der man nur den Auslöser drücken konnte. Zudem konnte man die Bilder erst sehen, nachdem sie entwickelt wurden. Und genau das liebte ich. Ich begann, meine ganze Umgebung damit abzulichten. Der Wendepunkt kam, als mein älterer Bruder beschloss, auch mit dem Fotografieren anzufangen – nur kaufte er sich gleich zu Beginn eine bessere Kamera, die tatsächlich scharfe Bilder machte. Und da war dann der Neid als kleiner Bruder groß. Deshalb kaufte ich mir schlussendlich meine allererste Spiegelreflexkamera, die Canon 700D. Damit fing meine Fotografiereise wirklich an. Aufgewachsen bin ich in der Nähe von wunderschönen Bergen, wo ich schneller auf Skiern stand als laufen konnte. Diese Bergwelten wurden meine Fotomotive. Ich verbrachte jede freie Minute damit, meine Abenteuer in den Bergen mit meiner neuen Kamera festzuhalten. Sommer wie Winter. Youtube wurde mein Lehrer, Bücher über Fotografie meine Bibeln und Onlinekurse meine Universität. Fehler waren meine täglichen Lektionen, aus denen ich vieles lernen und mich dadurch stetig verbessern konnte. Währenddessen ich meine kaufmännische Ausbildung abschloss, stand mein Entschluss fest: Ich möchte meine größte Leidenschaft, das Fotografieren, zu meinem Beruf machen. Und das tat ich dann auch. Zu Beginn war es ein Sprung ins kalte Wasser. 

Langzeitbelichtung bei Nacht Berge Schnee

Du kannst in der doch kurzen Zeit auf einige Medienpartnerschaften zurückblicken. Wie hast du es geschafft, von der Fotografie zu leben?

Ich habe schon früh damit angefangen, meine Bilder in sozialen Netzwerken zu teilen. Für mich stellte sich schnell heraus, dass mir die Fotografie im Outdoorbereich, primär Landschafts- und Actionfotos, besonders zusagt. Und darauf habe ich mich dann spezialisiert. Zugegeben, zu Beginn war es echt herausfordernd, davon leben zu können. Es war ein Auf und Ab und sehr schwierig, als junger Fotograf in dieser Nische durchzustarten. Ich liebte das Fotografieren, war aber nicht gut darin, mich selbst zu vermarkten. Vor allem zu Beginn war ich introvertiert, und da fiel es mir schwer, auf neue Kunden zuzugehen. Ich probierte trotzdem vieles aus und begann, öfters Personen in meine Fotos zu integrieren. Somit fand ich meine ersten Aufträge im Tourismusbereich. Ein langer Atem und ein eiserner Wille, nicht aufzugeben und immer weiterzumachen, haben es mir ermöglicht, davon leben zu können und verschiedene Einkommensströme aufzubauen. Mittlerweile mache ich Vollzeit Landschafts- und Actionfotos, Timelapse-Aufnahmen und erstelle Social-Media-Videos für Tourismusorganisationen und arbeite mit Sportmarken und vielen weiteren Unternehmen zusammen. Das sind nicht nur Auftragsarbeiten, sondern auch viele eigene Fotoprojekte. Bei den eigenen Projekten geht es bei mir primär darum, eigene Träume, Ideen zu verwirklichen und gerne auch mal auf einem Berggipfel zu übernachten. Mein Ziel ist es, in Zukunft noch viel mehr eigene Projekte umzusetzen und Leute dazu zu inspirieren, wieder mehr in die Natur zu gehen, und zu zeigen, was alles möglich sein kann, wenn man an seinen Träumen arbeitet. Ich hielt vieles für unmöglich, aber tief im Inneren wusste ich irgendwie, dass ich vieles probieren möchte. Vor allem in den letzten zwei Jahren sind einige Träume, von denen ich gedacht habe, dass sie immer Träume bleiben, Realität geworden. Das war für mich einfach unglaublich schön und eine Bestätigung, dass sich all die harte Arbeit in den vergangenen Jahren gelohnt hat. 

Du lebst in dieser malerischen Kulisse der Berge, die dir ganzjährig tolle Motive für deine Arbeit liefert. Meidest du große Städte als Motiv?

Ich entdecke sehr gerne auch große Städte für ein paar Tage, aber bis jetzt hat es mich noch nicht wirklich in den Bann gezogen, sie auch fotografisch festzuhalten. Ich bin da ehrlich gesagt lieber nur mit meinem Smartphone unterwegs und halte persönliche Momente für mich fest – bis jetzt. Was mich an Städte fasziniert, sind beeindruckende Bauten und das Zusammentreffen von verschiedensten Kulturen auf engem Raum. Das fand ich besonders in Singapur interessant. Ich denke, dass ich in Zukunft grundsätzlich nicht abgeneigt bin, auch mal in großen Städten etwas zu machen, wenn ich eine passende Idee für ein neues Fotoprojekt habe. 

Wenn es nicht die Berge sind, finden sich viele Strandaufnahmen bei dir. Wie kommt dieser Gegensatz zustande?

So gerne ich Berge habe, so gerne liebe ich auch Gegensätze. Oft sehnt man sich nach etwas, das man nicht vor der Haustüre hat. Und bei mir ist es das Meer. Schon immer haben mich tropische Welten fasziniert und wie Berge magisch angezogen. Vor ein paar Jahren reiste ich durch Hawaii und anschließend durch weitere Südseeinseln. Das war eine eigene, atemberaubende Welt. Vor allem die Unterwasserwelt hat mich in den Bann gezogen. Diese mit meiner Kamera zu erkunden, fühlte sich an, als ob man gerade durch einen anderen Planeten reist. Einer der unvergesslichsten Momente war, als ich mit Marinebiologen unterwegs war und mit Haien in ihrer natürlichen Umgebung tauchen konnte und sie fotografisch festhielt. Zuerst hatte ich ein echt mulmiges Gefühl, aber als ich dann im Wasser war und hinunter in die Tiefe des Ozeans blickte und ca. 20 Haie unter mir sah, die alle friedlich durchs Wasser schwebten, füllte sich mein Herz mit unbeschreiblicher Freude und Faszination für diese leider missverstandenen Tiere. Eines meiner größten Träume ist es, mit Orcas, Blauwalen und Riesenmantas in ihrer natürlichen Umgebung zu tauchen und diese festzuhalten. 

Tauchen mit haien foto

Manche Menschen reisen extra in deine Heimat zum Fotografieren – welchen Ort willst du auf jeden Fall noch vor die Linse bekommen? 

Die Liste der Orte, die ich noch fotografieren möchte, ist länger als die Einkaufsliste meiner Oma vor Weihnachten. Sich da auf etwas Spezielles festzulegen, fällt echt schwer. Aber wo ich zum Beispiel unbedingt noch hin möchte, ist Ua Pou im Südpazifik, Grönland, Antarktis. Ich bin einfach süchtig danach, neue Orte und Lebensweisen zu entdecken. Ich konnte in meinen jungen Jahren schon einige beeindruckende Orte sehen und festhalten. Dabei spürte ich aber immer mehr, dass entlegenere Orte mich förmlich magisch anziehen, und ich bin schon gespannt, wo es mich in Zukunft hinzieht. 

Was inspiriert dich bei deinen Bildern?

Ich hatte lange Zeit Probleme damit, meine eigenen Bilder zu mögen. Ich fand irgendwie immer etwas, das ich anders hätte machen können. Mit der Zeit habe ich dann aber erkannt, dass mich dieser Perfektionismus unglücklich macht, und habe hier mein Mindset geändert. Was mich mittlerweile inspiriert, ist, meinen eigenen Fortschritt zu sehen. Zu sehen, wie meine ersten Bilder ausgesehen haben und wie sie jetzt aussehen. Des Weiteren verknüpfe ich meine Bilder mit Emotionen, die ich vor Ort erlebt habe. Und jedes Mal, wenn ich dann 

meine Bilder sehe, fühle ich diese Emotionen. Das kann unglaublich schön sein, aber manchmal auch traurig, je nachdem, was ich da gerade erlebt habe. 

Welches deiner Bilder ist dein Lieblingsfoto und warum? 

Mein Lieblingsbild habe ich aufgenommen, als ich in Patagonien unterwegs war. Nach wochenlangem schlechtem Wetter, extremem Wind, Schnee und Regen gab es endlich ein Wetterfenster. Ich wollte noch zu einem recht unbekannten Spot mit meinem Mietwagen fahren, um das ganze Fitzroy-Bergmassiv aus einer neuen Perspektive festzuhalten. Aber auf dem Weg dahin bin ich mit meinem Auto im Schlamm stecken geblieben. Allein im Nirgendwo saß ich fest und benötigte schlussendlich über eine Stunde, um mein Auto aus dem Schlamm zu befreien, und fuhr wieder zurück auf eine asphaltierte Straße. Mein Auto, innen und außen, sowie ich selbst waren komplett voller Schlamm. Sehr erleichtert, aber auch deprimiert machte ich mich auf den Heimweg nach El Chalten. Seit Wochen hatte nichts so wirklich funktioniert. Ich habe mich dennoch dazu entschlossen, einen kurzen Halt zu machen, um vor El Chalten und dem Fitzroy-Massiv den Sonnenuntergang festzuhalten. Die Wetterstimmung war perfekt, und auf einmal, aus dem Nichts, kam ein Guanako in mein Bild gelaufen, platzierte sich am perfekten Spot und wurde von der Abendsonne magisch angestrahlt. Es war echt ein unbeschreiblicher Moment. Es hat alles perfekt zusammengespielt. Ich konnte es kaum glauben. Ein Moment, in dem die Zeit stehen blieb und ich eins mit der Landschaft und meiner Kamera wurde. Und es hat mir wieder einmal auf beeindruckende Weise gezeigt: Es kommt im Leben oft anders, als man es geplant hat. Manchmal ist der Weg viel härter und anstrengender. Manchmal sieht alles aussichtslos aus. Aber wichtig ist, immer wieder aufzustehen und weiterzugehen. Auch wenn ein Weg in einer Sackgasse endet, ist es bedeutsam, sich nicht unterkriegen zu lassen und neue Wege zu finden, selbst wenn man noch nicht weiß, wohin die neuen Wege wirklich führen. Oft sind es dann genau diese Wege, die einen zu den unvergesslichsten Momenten im Leben führen. Mittlerweile habe ich mir dieses Bild auf eine große Leinwand drucken lassen und es hängt bei mir zu Hause. Es erinnert mich immer wieder an diese Message. 

Lieblingsfoto Luca Tiefenthaler

Welche Kamera verwendest du und warum? 

Ich verwende die Canon R5. Für mich ist sie ein perfekter Allrounder mit beeindruckender Qualität und Robustheit. Die hat schon echt einiges durchmachen müssen, von Temperaturen von unter minus 20 Grad Celsius bis hin zu strömenden Regen. Sie hat mich nie im Stich gelassen. Ich liebe die hohe Auflösung und die schnellen Serienaufnahmen, welche besonders im Actionbereich sehr wichtig sind. Die Kamera ist mir echt ans Herz gewachsen. 

Hast du ein Lieblingsobjektiv? 

Ehrlich gesagt nein. Ich verwende je nach Situation unterschiedliche Objektive und passe die Wahl der Objektive an die Projekte an. Am meisten, denke ich, verwende ich das Canon RF 24–70 mm f/2,8, da ich dieses Objektiv sehr vielseitig einsetzen kann und je nach Auftrag schnell auf verändernde Momente reagieren kann. Beeindruckend finde ich auch das Canon RF 85 mm f/1,2 oder das Canon RF 800 mm f/5,6, das ich mal testen durfte. 

Was darf in deinem Kamerarucksack nicht fehlen? 

Je nachdem auch Isomatte und Schlafsack und ganz wichtig: warmer Tee und genügend zum Essen. Viele bevorzugen ein Lightweight- Setup. Das trifft bei mir nicht zu. Da ich auch Timelapse-Aufnahmen zusätzlich bei meinen Bergabenteuern mache, schleppe ich meistens die doppelte Ausrüstung auf den Berg. Ich gebe zu, beim Aufstieg bereue ich jedes zusätzliche Gramm – meine Beine fluchen in allen Sprachen. Oben angekommen, wenn alles aufgebaut ist und die Kameras laufen, freue ich mich jedes Mal wie ein kleines Kind und bin froh, alles hochgeschleppt zu haben. 

Du bist bei der „Red Bull Illume Image Quest“ unter den Finalisten gelandet. Wie war es für dich, bei einem so renommierten Wettbewerb so weit gekommen zu sein? 

Unglaublich! Es war schon immer einer meiner allergrößten Träume. Dass dieser Traum so schnell in Erfüllung geht, hätte ich niemals für möglich gehalten. Während eines Mittagessens im Restaurant kamen zwei Damen von Red Bull mit meinem eingereichten Bild auf mich zu und verkündeten mir, dass ich es ins Finale geschafft hätte. Ich konnte es zuerst gar nicht fassen. Innerlich spürte ich so viel Emotionen, dass ich es zuerst gar nicht wirklich zeigen konnte. Ich brauchte einige Tage, um das Ganze wirklich zu realisieren. Es erfüllte mich mit unglaublich viel Freude und Stolz. So viel Wertschätzung für ein Foto hatte ich noch nie bekommen. Hätte mir das jemand vor Jahren gesagt, hätte ich das niemals geglaubt. 

Wenn man sich die Bilder ansieht, wirkt es, als wäre der Wettbewerb ein Treffen von Abenteurern. Wie war der Erfahrungsaustausch mit den anderen Teilnehmern? 

Sehr inspirierend. Bei der dreitägigen Winner Award Ceremony konnte ich die anderen Finalisten aus aller Welt kennenlernen. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, sich mit so vielen Gleichgesinnten auszutauschen und gemeinsam alles zu erleben. Es war eine unvergessliche Zeit. Ich wünschte, dass es solche Zusammenkünfte öfters geben würde. Ich hoffe sehr, dass ich nächstes Jahr wieder mit dabei sein kann. Aber ob mir das wirklich gelingen wird, werden wir sehen. 

Stichwort Abenteuer: Gerade in den Bergen bist du oft an das Wetter gebunden. Bist du eher der Planer oder der impulsive Fotograf? 

Beides. Je nach Projekt oder Auftrag muss ich schon vorab viel planen, damit bei der Umsetzung alles reibungslos abläuft. Wenn man aber in der Natur draußen arbeitet, kann immer etwas schiefgehen, und wichtig ist, schnell darauf zu reagieren und spontan neue Lösung zu finden und sich anzupassen. Auf der anderen Seite bin ich der impulsive Fotograf bzw. bin ich auch ein spontaner Mensch, der sehr gerne zu Abenteuern außerhalb der Komfortzone zusagt, denn ich finde, das Leben ist zu kurz, um es nicht richtig gelebt zu haben. Ich stürze mich gern in ein Abenteuer, ohne dabei alles zu planen. Oft sind es dann genau diese Abenteuer, die einen zu den schönsten Momenten führen. 

Vielen Dank für das Gespräch!