Interview: Dokumentarfotografie mit Florian Bachmeier
Florian Bachmeier wirft seinen Blick oft dahin, wo es weh tut und doch notwendig ist. Als Fotograf reist er in Kriegs- und Krisengebiete, um das Leben vor Ort zu dokumentieren.
Moin Florian, danke dass du dir die Zeit für uns genommen hast. Magst du dich selber kurz vorstellen? Wer bist du und was machst du?
Sehr gerne. Ich bin Florian Bachmeier, Dokumentarfotograf und arbeite hauptsächlich an Langzeitprojekten. In den letzten Jahren bevorzugt in Osteuropa - seit 2012 eigentlich überwiegend in der Ukraine.
Wie bist du zur Fotografie gekommen? Warum ist es gerade die dokumentarische Fotografie geworden?
Ich bin zur Fotografie gekommen, weil der Vater eines Schulfreundes von mir Fotograf war und mich schon in sehr frühen Jahren bei seinen Fotoaufträgen als Assistenten brauchen konnte. Nach dem Abitur bin ich dann von Deutschland nach Spanien, wo dieser Fotograf ein Haus hatte. Und dort bin ich sozusagen „hängen geblieben" und habe an der Kunsthochschule im nordspanischen Pamplona Fotografie studiert. Dort war der Einfluss der Dokumentarfotografen sehr groß. Mein Lehrer war ein Fototheoretiker, der die ganzen Dokumentarfotografen der Zeit in Büchern und sonstigen Publikationen gesammelt hat. Ein recht bekannter Fotograf in Spanien, Koldo Chamorro, der auch in Pamplona gelebt hat, wurde dann so eine Art Mentor für mich. Deswegen sind meine frühen Arbeiten und frühen Projekte in den späten 90er Jahren in Spanien auch noch analog in Schwarz-Weiß entstanden. Das war so die Grundlage, würde ich sagen.
Du hast sowohl Fotografie als auch Geschichte studiert. Wie beeinflusst das deine Arbeit?
Ich bin dann zurück nach Deutschland und habe Geschichte studiert, weil es mir nicht gelungen war, von der Provinzstadt Pamplona aus mit Fotografie finanziell zu überleben. Und dann habe ich mir überlegt, mich nochmal meiner zweiten großen Liebe zu widmen, nämlich der Geschichte. Da ich noch BAföG bekommen habe, habe ich dann an der LMU in München Neue und Neueste Geschichte studiert, mit dem Schwerpunkt Südeuropa, Spanien und Italien. Ich habe da auch schon aus Interesse Vorlesungen in Südosteuropäischer Geschichte besucht.
Gegen Ende des Studiums, bevor ich fertig wurde mit der Magisterarbeit, wurde mir schon klar, dass eigentlich die Fotografie doch stärker ist, dass ich schon gern fotografisch arbeiten würde. Und dann habe ich versucht, die gewonnenen Fähigkeiten und Erkenntnisse über wissenschaftliches Arbeiten und Recherche zur Vorbereitung von dokumentarischen Projekten zu nutzen. Und andererseits ist durch ein akademisches Studium in den Geisteswissenschaften natürlich das Verständnis für Zusammenhänge viel ausgeprägter als vorher. Also ich denke, in dem Sinn hat mir das schon sehr viel genutzt.
Gibt es in deinem Leben ein prägendes Erlebnis, das deinen fotografischen Blick geschärft hat?
Ich weiß nicht, ob es ein Erlebnis ist, das den fotografischen Blick schärft. Vielleicht kann man eher sagen, dass sich durch die längere oder langfristige Arbeit, z.B. in den Konflikt- und Kriegsgebieten in der Ukraine, meine Art zu fotografieren verändert hat. Dass ich vielleicht nicht den fotografischen Blick geschärft, sondern vielmehr eine andere Art zu fotografieren entwickelt habe und vielmehr versucht habe, in diesen Kriegsgebieten Themen langsamer anzugehen, die von der journalistischen Tagespresse oder von der alltäglichen Berichterstattung eher ausgeklammert worden sind.
Was hat dich ursprünglich an Osteuropa und insbesondere der Ukraine so stark interessiert?
Diese Diskursfelder Mitteleuropa, Osteuropa finde ich interessant, da mich Identität als Thema reizt: Was ist was, was gehört wozu? Und mit der Beschäftigung mit Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Ukraine für mich sehr interessant, weil sie wirklich ein Land ist, das sehr von seiner Geschichte geprägt und gebeutelt ist. Immer aufgerieben zwischen größeren Imperien, immer Spielball größerer Mächte und immer Einflussgebiet von Antagonisten und zeitweise in wirklich existenziell bedrohlichen oder fast vernichtenden Szenarien gefangen. Sei es der Bürgerkrieg nach dem Ersten Weltkrieg, die letzten Jahre des Ersten Weltkriegs mit diesen verschiedenen Fraktionen, dann die von Stalin induzierte Hungersnot, der Holodomor, in den 30er Jahren, der Millionen von Ukrainern das Leben gekostet hat.
Im Zweiten Weltkrieg kam das Allerschlimmste, die Besetzung durch das nationalsozialistische Deutschland, wo die Ukraine zu einem Hauptschauplatz des Holocaust durch Kugeln - Holocaust by Bullets - wurde. Und Teil dieser „Bloodlands“, wie Timothy Schneider diesen Streifen von Osten bis zum Schwarzen Meer nennt, wo auch wiederum Millionen von Menschen getötet wurden.
Und dann in den letzten Jahren erneut diese wiedererstarkenden imperialen Gelüste von Russland und eigentlich der Krieg im Donbass seit 2014 und die Invasion der Ukraine durch Russland 2022, wo das Land wieder erneut zum Kriegsschauplatz wird. Was im Fall der Ukraine mit der Geschichte und der schwierigen Findung einer Nation oder einer Identität, einer Zivilgesellschaft erneut sehr tragisch ist für das Land. Also, ja, daher vielleicht wirklich diese Beschäftigung mit der Ukraine über so lange Zeit jetzt.
Dein Buch In Limbo dokumentiert die Ukraine zwischen den Jahren 2013 und 2021. Was hat sich dort in dieser Zeit verändert, bei den Menschen, in ihrer Wahrnehmung und in ihrer Art zu leben?
Der Titel In Limbo 2013–2021 (Buchkunst Berlin, 2021) ist im Nachhinein - ungewollt natürlich - traurigerweise fast prophetisch. Weil es wirklich so eine Zwischenhölle gewesen ist nach dem Maidan. Über diesen mal heißeren, mal abgekühlteren Krieg im Donbass, bis kurz vor der Invasion der Ukraine durch Russland.
Ja, was hat sich verändert? Ich glaube, auf jeden Fall war der Maidan ein Startschuss. Wie es in der Ukraine auch heißt: die „Revolution der Würde“. Also man hat gemerkt, dass man so ein kleptokratisches, korruptes und fast autokratisches Regime wie das Regime unter Janukowytsch mit zivilgesellschaftlichen Mitteln zur Aufgabe zwingen kann. Dieser musste dann fliehen, was aber schon erhebliche Opfer gekostet hat. Es kam ja dann auch in den letzten Tagen des Aufstands des Maidans zu über 100 Todesopfern. Ich denke, das war ein weiterer Schritt, der die Gesellschaft der Ukraine zusammengeschweißt hat. Und der Krieg im Donbass und diese ständige Bedrohung haben vielleicht doch viel mehr bewirkt hinsichtlich einer gemeinsamen Identität oder sozusagen eines gemeinsamen Nenners, was ein Land werden kann - oder werden könnte, wenn nicht immer wieder solche schrecklichen Ereignisse über eine Gesellschaft hereinbrechen würden.
So, wie ich das erlebt habe, ist die Ukraine auf jeden Fall über die Jahre gewachsen. Es ist eine tolerante Gesellschaft und man hat viele alte Stereotype überwunden. Es ist eine offene Gesellschaft, die Menschen integrieren kann. Und das ist so eine Sache, wofür ich große Dankbarkeit empfinde, weil das nicht selbstverständlich ist in Jahren, in denen eigentlich eher Konflikt, Krieg und Spaltung hätten dominieren können. Man hat durchaus versucht, sich zu einigen und gemeinsam aufzutreten und solidarisch zu sein.
Wenn du dann vor Ort bist, wie kommst du zu deinen Bildern? Wie findest du deine Motive - oder finden deine Motive dich?
Das hat sich natürlich auch verändert seit dem ersten Besuch 2012. 2012 war noch eher eine vage Suche und ein Gefühl, dass ich gerne ein Projekt dort fotografieren würde. 2013 dann mit dem Beginn des Maidan in Kyjiw war das Thema ja vorgegeben. Das war die Revolution auf der Straße bzw. die Organisation vor Ort und alles, was mehr oder weniger in Kyjiw oder in Lviv, wo es auch eine kleinere Ausgabe des Maidan gab, vor sich ging.
Nach der Niederschlagung der Maidan-Revolution, der Flucht von Janukowytsch und der Besetzung der Krim durch russische Truppen wurde das Ganze so eine Spirale, die sich immer schneller gedreht hat, und man ist eigentlich gar nicht mehr dazu gekommen, sich spezielle Themen selber zu setzen. Die Themen wurden eigentlich gesetzt. Es ging dann natürlich auf die Krim. Irgendwann kamen Aufträge von Magazinen dazu, wie zum Beispiel eine Reportage über die Maidan-Kämpfer, der rechtsradikalen Partei Prawyj Sektor in Kyjiw, kleine Reportagen über Maidan-Veteranen, die auf dem Maidan gekämpft oder verletzt worden sind. Also hauptsächlich Auftragsarbeiten, als das Interesse groß war. Und dann im Mai ging ja der Krieg los im Donbass, wo ich auch vor Ort war, in den Tagen der ersten Kampfhandlungen.
Und ab da habe ich dann mit Journalistinnen und Jornalisten Themen überlegt, mit denen ich bis dahin schon zusammengearbeitet habe, insbesondere mit Simone Brunner aus Wien. Unter anderem Jugendliche auf beiden Seiten der Frontlinie im Donbass zu fotografieren, also die erste Kriegsgeneration in Europa im 21. Jahrhundert. Das war das erste Thema, das man sich selber überlegt hat, und wo man die Motive dann selber vor Ort gesucht hat. Und in dem Stil habe ich dann eigentlich weitergemacht über die Jahre, solange es mir möglich war. Immer wieder auch Auftragsarbeiten, die dann in gewisser Weise ein Thema vorgegeben haben. Aber eigentlich habe ich mir die Themen selber gesetzt. Unter anderem das Letzte und Längste, was ich auch beim World Press Award unter dem Titel Beyond the Trenches eingereicht habe, was das Leben an der jetzigen Front beschreibt.
Zu Beyond the Trenches kommen wir später noch mal, aber erst einmal würde ich gerne wissen, wie man als Fotograf über so viele Jahre Kontakt in ein Land hält? Hast du da Ansprechpartner:innen vor Ort oder läuft das über Agenturen?
Ich arbeite leider (noch) nicht für eine Agentur. Aber ich bin seit einigen Jahren Mitglied im Journalistennetzwerk n-ost in Berlin, Network for Border Crossing Journalism. Und wie der Name schon sagt, ist das hauptsächlich ein Netzwerk für Journalistinnen und Journalisten, die sich mit osteuropäischen und mittelosteuropäischen Themen beschäftigen, und eventuell dann für kleinere Aufträge Fotografen suchen.
Und andererseits natürlich vor Ort, die Fahrer oder „Stringer Fixer“, wie man sagt. Da baut sich über die Jahre natürlich auch ein gewisses Netzwerk auf und dort kennt man sich untereinander inzwischen auch. Aber es sind natürlich auch persönliche Freundschaften entstanden, die man versucht zu pflegen.
Wie bereitest du dich mental auf Einsätze in Konfliktzonen bzw. Kriegsgebieten vor?
Viel Vorbereitung kann man da, glaube ich, gar nicht machen. Weil man ja nie weiß, was passiert. Im Prinzip kann ich mir da auch gar nicht so viele Gedanken machen, weil mir die Arbeit in der Ukraine sehr am Herzen liegt und sehr wichtig für mich ist. Und da ich vieles selber vorbereite und selber finanziere, habe ich im Vorfeld eigentlich schon einen gewissen ökonomischen Druck. Oft komme ich deshalb gar nicht dazu, mir viele Gedanken über Sicherheit und Ähnliches zu machen. Der einzige Aspekt ist die Familie – dadurch bin ich ein bisschen vorsichtiger. Aber im Prinzip ist es so: Wenn ich vor Ort bin, teile ich einfach das Risiko mit den Menschen, die ich porträtiere. Und es könnte, glaube ich, auch gar nicht anders sein.
Mir ist bewusst, dass es gefährliche Situationen gibt. Aber genau diese machen die Arbeit erforderlich. Wenn man dieses Risiko nicht akzeptieren würde, dann wäre es falsch, dort zu arbeiten.
Was treibt dich an in ein Krisen- bzw. Kriegsgebiet zu reisen und dort zu fotografieren?
Im Prinzip sage ich mir: Ich bin eigentlich kein Kriegsfotograf. Ich bin zum Beispiel auch nicht in den Gazastreifen gefahren, weil ich dort vorher noch nicht gearbeitet habe. In der Ukraine fotografiere ich, wie gesagt, seit 2012. Also sage ich mir: Der Krieg ist eigentlich zu mir gekommen und nicht ich zum Krieg. Aber natürlich möchte ich auch nicht davor weglaufen.
Gab es in all den Jahren bereits Situationen, in denen du das Fotografieren abbrechen musstest, entweder aus Gefahrengründen oder aus ethischen oder emotionalen Gründen?
Ja, also mir fallen da nur kleinere Sachen ein. Ich war einmal mit einer Gruppe von Journalistinnen und Journalisten unterwegs, und es ging um die Leiche eines jungen Mannes. Die war mit einem Teppich zugedeckt – ein Foto davon ist auch im Buch. Irgendwann kam dann, kurz vor dem Eintreten des Waffenstillstands Minsk II (Am 12. Februar 2015 kam auf Initiative von Deutschland und Frankreich ein erneutes Waffenstillstandsabkommen zustande: Minsk II. Am 21. Februar 2022 erklärte der russische Präsident Wladimir Putin, dass es für das Minsker Abkommen keine Aussichten mehr gebe; Anm. d. Red.) – der eigentlich nicht beachtet wurde, während die Ortschaft unter Beschuss stand –, von irgendjemand die Idee auf, dass der Teppich vielleicht aufgedeckt werden müsse. Und da muss ich natürlich sagen: An diesem Punkt sind die ethischen Grenzen erreicht.
Ansonsten, glaube ich, ist das eine Sache des Gespürs. Die meisten Leute, die ich treffe und die in der Nähe der Front leben, fühlen sich durch meine Arbeit eher gesehen. Sie haben in der Regel auch keine Probleme damit, fotografiert zu werden, weil ich mich langsam annähere und nichts mache, was sie eigentlich nicht wollen. Insofern gibt es da keine Schwierigkeiten.
Wie gesagt, die ethischen Probleme entstehen eher, wenn es darum geht, Manipulationen nicht zuzulassen oder nicht in Stereotype zu verfallen. Emotional, finde ich, ist es mir bis jetzt immer leicht gemacht worden – von den Menschen vor Ort, mit denen ich gearbeitet habe oder die vor meiner Kamera standen.
Und wenn du beispielsweise auf Kinder triffst, die in mitten von Gewalt aufwachsen, deren, ich zitiere hier geo.de „Unschuld zerbrochen ist“, wie gehst du persönlich mit solchen Begegnungen um und was nimmst du davon mit nach Hause? Gehen dir diese Bilder jemals aus dem Kopf?
Aus dem Kopf geht es mir nicht – dafür bin ich wahrscheinlich auch zu sehr ein visueller Mensch, ein Fotograf. Natürlich bleiben solche Motive immer sehr präsent in meinem Kopf.
Meistens, wenn es sich um Kinder handelt – oder zum Beispiel um das Foto von Angelina in der Ukraine auf ihrem Bett – sind es auch Bilder, die sehr langsam entstanden sind. Und Kinder, mit denen man zumindest über kurze Zeit eine Beziehung aufgebaut hat. Gerade in dieser letzten Serie über das Leben an der Front, sind Kinder eigentlich der wichtigste Bestandteil. Und eigentlich das Schlimmste an der ganzen Sache – weil sie in den meisten Fällen keine Wahl haben bzw. nicht gefragt werden.
Und schon sehr früh, wenn sie denn keine physischen Verletzungen erleiden, müssen sie sehr, sehr, sehr viel psychischen Druck aushalten. Mit sehr viel Angst und mit Trauma leben, schon in jüngsten Jahren.
Du hast für eines deiner Bilder aus der Reihe Beyond the Trenches in der Kategorie Einzelbild in Europa den World Press Award 2025 gewonnen. Kannst du etwas mehr über das Bild erzählen, wie ist es zum Beispiel entstanden?
Die Idee zu Beyond the Trenches entstand schon circa ein Jahr oder eineinhalb Jahre, bevor ich das Bild aufgenommen habe. Ich habe dann zunächst immer, weil diese Projekte natürlich finanziert werden mussten, für das Rotary Magazin den Dnipro und die Front von Norden bis Süden bereist. Das war sozusagen der Grundstock für das Projekt.
Die nächsten Reisen waren dann themenspezifischer. In dem Fall war es eine Reise in den Oblast Charkiw, wo zu der Zeit heftige Kämpfe in Kupjansk getobt haben. Wir sind dort mit meinem Fahrer und einer NGO unterwegs gewesen, die vor Ort Menschen betreut, die an der Front leben. Diese NGO – Unbreakable Kharkiv – hat uns in das Dorf Borova gebracht.
Angelina lebte dort schon vor Kriegsbeginn. Angelina wurde von dieser NGO in unregelmäßigen Abständen betreut, beziehungsweise sie wurden versorgt mit notwendigen Hilfsgütern und vielleicht auch mit ein paar Spielsachen, Stiften oder Heften, die man im Lager als Spende entbehren konnte. So haben wir Angelina kennengelernt. Wir sind ins Haus der Großmutter, weil die Mutter in Kharkiv arbeiten muss, um ein bisschen Geld zu verdienen. Der Rest wird von der kleinen Rente der Großmutter bestritten.
Man hört die Einschläge dort. Sie ist traumatisiert und leidet unter Angstzuständen. Wir waren also bei der Großmutter, haben mit ihr geredet und dann langsam vorgefühlt, wie es wäre, ein Bild von Angelina zu machen – wie sie regungslos auf ihrem Bett liegt, in ihrem Zimmer. So ist das Bild entstanden. Das war 2024, bei der ersten von zwei Reisen für das Projekt Beyond the Trenches.
Kannst du uns noch etwas mehr über das Projekt Beyond the Trenches erzählen?
Es geht darum, Menschen zu dokumentieren, die in unmittelbarer oder mittelbarer Nähe der Front leben. Die aus verschiedenen Gründen mit der Front leben: Soldaten, die dort in den Stellungen verharren, warten oder kämpfen; verletzte Soldaten, die von dort evakuiert werden müssen; und Zivilbevölkerung, die nicht evakuiert wurde beziehungsweise nicht evakuiert werden wollte – weil sie Angst vor dieser Veränderung hat, weil sie ihr Eigentum verlieren könnte oder weil sie einfach zu arm, zu alt, zu schwach ist, um die umkämpften Frontgebiete zu verlassen.
Beyond the Trenches bezieht sich auf das Gebiet der Front von der Grenze zu Russland im Norden, durch die Oblast Charkiw, durch den ganzen Donbass entlang des Dnjepr, in Saporischschja, bis Cherson und zum Schwarzen Meer.
Lass uns kurz über etwas anderes sprechen: Dein Bild der Covid-19-Patient wurde 2020 zum Pressefoto des Jahres in Bayern ausgezeichnet. Was war der Hintergrund dieses Fotos und was hat das für dich bedeutet?
Der Hintergrund des Fotos war eigentlich recht banal, weil ich in der Covid-Zeit natürlich dokumentieren wollte, was sich in der Pandemie, in den Zeiten des Lockdowns, hier bei uns in der Region plötzlich verändert hat. Ich habe damals im Krankenhaus fotografiert und wurde dort natürlich beim Fotografieren von den Ärzten beaufsichtigt. Sie haben mich dann zu dem Mann ins Zimmer geführt – einerseits, weil er gesagt hat, dass er gerne fotografiert werden würde, und andererseits, weil er Zeugnis von der Pandemie ablegen wollte. Seine Frau war nämlich wenige Tage zuvor an der Krankheit gestorben. Eigentlich ist es also dem Personal des Krankenhauses zu verdanken, dass ich den Mann kennengelernt habe und ihn fotografieren durfte.
Du hast fernab deiner Langzeitarbeiten in der Ukraine bereits unzählige Projekte gemacht. Das reicht von den Adlerjägern in Kisil-Tschak über das Projekt All Love Eaten Up, wo es um Prostitution in Bangladesch geht. Du hast aber auch das Leben im Camp Moria auf Lesbos dokumentiert. Wie findest du da deine Themen?
Lesbos, Moria, Belgrad und Idomeni – und in gleichem Sinne auch Ceuta – sind eigentlich ein Komplex: die Fluchtrouten über das Mittelmeer und die Balkanroute 2015, 2016 und dann Ceuta etwas später in Spanien, mit der Überquerung der Grenze aus Marokko. Migration, Flucht, das ist also ein Themenkomplex, der eigentlich zusammengehört, auch wenn er auf meiner Homepage in vier Einzelprojekten erscheint. Das war natürlich ein Thema, das ich mir als Fotograf selbst gewählt habe. Ab 2015 konnte man daran nicht außen vor bleiben. Es war ein Thema, das bearbeitet werden musste, weil es eine große Frage der Zeit war, und es immer noch ist und es auch in Zukunft bleiben wird.
Solche Projekte wie die Adlerjäger sind dagegen mehr oder weniger kleine, abgeschlossene Arbeiten, die für ein Magazin entwickelt worden sind – also in gewisser Weise ein kommerzielleres Projekt. Eine Idee, die entstanden ist, die einem Magazin angeboten und dann glücklicherweise realisiert wurde.
Ein anderes Beispiel ist die Reportage Im Land der kalten Feuer im Wachan-Korridor in Afghanistan. Das ist dann ein sehr schönes und größeres Projekt geworden, das den reinen Magazinartikel in gewisser Weise transzendiert hat. Denn da ging es auch um viel mehr als nur die Reportage: Um Religion, um Religionsfreiheit, um Migration, um natürliche und politische Grenzen, die über Jahrzehnte, fast Jahrhunderte, eine Isolation verursacht haben – was für die Menschen, die dort leben, in dieser unwegsamen und unwirtlichen Gegend sehr schwierig ist.
So entstehen Themen: durch Interesse und dann durch die Zusammenarbeit mit einem Magazin. Ich denke da auch an die Geschichte in Mauretanien, die sich im Bereich Neokolonialismus und Umweltverschmutzung, Überfischung der Meere bewegt hat. Glücklicherweise konnten wir die mit Mare realisieren. Oder an die Venezuela-Geschichte zur Zeit der Krise für Profil.
Das sind meistens Geschichten, bei denen man mehr oder weniger plus/minus null wirtschaftet und vielleicht im Nachhinein noch einmal ein Bild veröffentlicht – die aber trotzdem wichtig sind. Und glücklicherweise fanden sie damals noch leichter Interessenten bei Magazinen oder Publikationen. Heute ist das deutlich schwieriger.
Okay, da greifst du mir schon ein bisschen in den Fragen vorweg, aber wenn wir schon bei dem Thema sind: Wie finanzierst du deine Langzeitprojekte?
Ja, das ist tatsächlich eine Mischkalkulation. Wenn es mir möglich ist – was natürlich nicht so oft der Fall ist –, dann vorfinanziere ich etwas selbst. Oder, wenn es mir die Sache wert ist, finanziere ich es auch, ohne die Erwartung, dass das Geld unbedingt gleich wieder hereinkommen muss.
Andererseits gibt es die Schiene der Stipendien, was natürlich auch nicht so einfach ist. Zum Beispiel habe ich 2024 die zwei Reisen für Beyond the Trenches dank eines Stipendiums finanziert, das n-ost ausgeschrieben hatte. Oder noch weiter zurück: die Jugend in Trümmern im Donbass – das war ein Stipendium von Renovabis, einer katholischen Organisation, die es mehr oder weniger jährlich ausschreibt.
Außerdem gibt es Publikationsprojekte wie das Rotary Magazin, das einen gewissen Betrag vorstreckt, den man dann verwalten muss, um das gewünschte Bildmaterial oder die Reportage zu erstellen. Da waren auch Video-Clips dabei, die man machen sollte. Und dann gibt es den klassischen Auftrag von Magazinen wie Capital oder Profil – die bezahlen ganz normal den Tagessatz und die Reisekosten.
Du arbeitest also auch sehr viel frei?
Ja, also in der Ukraine arbeite ich immer mehr frei, weil es für solche langen, langsamen Projekte zurzeit sehr schwierig ist, jemanden zu finden, der dafür überhaupt den Platz hat oder der so etwas überhaupt veröffentlichen will.
Wie sieht denn dein normaler Arbeitsalltag aus, wenn du in Deutschland bist?
Im Moment bin ich tatsächlich sehr beschäftigt. Wenn ich etwas finanzieren will, dann muss ich das Geld irgendwo anders einnehmen. Ich habe einige Kunden hier. Für zwei Hotels mache ich zum Beispiel die Fotografie – hauptsächlich Schwarzweißaufnahmen – der jeweiligen Gegenden für die Dekoration der Zimmer. Ich mache auch Mitarbeiterporträts für das Fraunhofer-Institut für Bauphysik, nächste Woche zum Beispiel.
Es gibt also immer Aufträge, die ich in der Region oder meistens im süddeutschen Raum organisiere. Der Rest ist eigentlich mehr oder weniger der Versuch, Möglichkeiten zu finden, Reportagen zu veröffentlichen, für Stipendien zu kandidieren, bei Wettbewerben mitzumachen, Exposés zu schreiben oder Bilder neu zu ordnen. Im Prinzip Akquise, das hört sich so geschäftsmäßig an, aber es geht darum Möglichkeiten zu finden, die Dokumentarfotografie weiterzuführen. Um da nicht irgendwann abbrechen zu müssen, weil der Faden verloren gegangen ist. Das Projekt in der Ukraine macht ja nur Sinn, wenn es auch einigermaßen kontinuierlich ist.
Nächstes Jahr gibt es zwei große Ausstellungen – oder eine große und eine kleinere – im Westen von Deutschland: in Frankfurt, im Haus am Dom, und in der Stadt Eltville im Rheingau. Auch darauf bereite ich mich mit etwas Vorlaufzeit vor, weil die Finanzierung noch nicht geklärt ist und ich vermutlich auf einem Teil der Kosten sitzenbleiben und das vorfinanzieren muss.
Ich bin sehr beschäftigt, aber immer auch mit der Sorge, dass ich genug auf die Seite schaffe, um weitermachen zu können. Es ist nicht so einfach. In den letzten Monaten, im Sommer, war es ein bisschen leichter. Da hatte ich einige Kunden, und die Aufträge im Corporate-Bereich sind schon da.
Wie schaffst du den Spagat zwischen einem, ich sage mal, hundskommunen Corporate Job und deiner dokumentarischen Arbeit?
Da darf man nicht so differenzieren, denn das wäre dem Kunden gegenüber falsch. Ich muss dem Kunden auch die Wertschätzung entgegenbringen, die er verdient. Meistens habe ich das Glück, dass es Kunden sind, mit denen ich schon lange zusammenarbeite oder bei denen ich auch das Gefühl habe, dass mir gegenüber eine gewisse Wertschätzung besteht. Wir arbeiten gut zusammen, und man will da auch etwas Gutes abliefern.
Diese Hoteljobs zum Beispiel liebe ich sehr. Einer ist in Österreich, im Pinzgau in Rauris, in einer Landschaft, die ich auch schon seit über 13 Jahren fotografiere – dort begleite ich den Tourismusverband. Ich bin sehr gerne in den Bergen unterwegs, und das ist ein Job, den ich liebe: die Berge zu fotografieren, die Menschen dort zu fotografieren, und die Möglichkeit zu haben, diese Bilder auch groß zu zeigen – in großen Schwarzweißdrucken in einem Hotel, für ein Publikum.
Oder hier, in meinem Ort in Schliersee, für das neue Hotel Terofal, das komplett neu renoviert ist. Dort statte ich alle Zimmer mit Bildern aus der Region aus. Das erfüllt mich schon auch mit Stolz und mit einer gewissen Ehre, die Bilder im Dorf zu zeigen.
Und was ich noch sagen wollte: Ich beschäftige mich außerdem mit einem Projekt zusammen mit einer Kollegin – einer Fotografin, die inzwischen auch eine sehr gute Freundin ist. Wir wollen im Herbst ein Magazin herausbringen. Das ist eine Arbeit, die mich sehr freut, weil es ein sehr schönes Magazin wird – über Handwerk, über gutes Arbeiten in der Region, über Regionalität und Nachhaltigkeit, mit einem gewissen gesellschaftlichen Anspruch. Aber dazu vielleicht in Zukunft mehr.
Ich würde gerne nochmal zurück zur Dokumentarfotografie. Gibt es ein Projekt, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist und über das du uns berichten möchtest?
Ja, ich denke seit Jahren an Flüsse, beziehungsweise speziell an Flussdeltas. Ich habe mir einmal so ein größeres Projekt vorgenommen, über fünf Deltas auf fünf Kontinenten. Das ist eine These von mir, weil ich glaube, dass Menschen, Gesellschaften und Probleme in unserer Zeit in Deltas verschiedener Weltregionen eigentlich vergleichbar sind.
Da geht es wieder um Identität: um Leute, die in Deltas gehen, um dort zu leben – ein bisschen zurückgezogen –, aber gleichzeitig auch um Menschen, die aus Deltas fliehen müssen, weil es sehr verletzliche Räume sind. Diese Gebiete sind stark bedroht vom Klimawandel, von Umwelteinflüssen, von Umweltzerstörung und Verschmutzung.
Ich glaube, es gibt eine Tendenz, dass Bewohner eines Deltas zu etwas Neuem verschmelzen, zu einer besonderen Identität. Und diese Gesellschaften und diese Naturräume sind eine Art Brennglas für wichtige Fragen der Menschheit.
Ich habe lange und oft im Donau-Delta gearbeitet – zu zehn Prozent in der Ukraine, zu neunzig Prozent in Rumänien. Ich war inzwischen auch wieder dort und habe sehr viele Bilder in verschiedenen Jahreszeiten gemacht. Das wäre so ein Traumprojekt, das ich gerade ein bisschen ordne, um daraus vielleicht in Zukunft ein Buch oder eine Ausstellung zu machen. Und ich plane jetzt auch im Herbst nochmal dorthin zu reisen, um Aspekte zu fotografieren, die mir vielleicht bisher für das Projekt fehlen.
Gibt es ein explizites Bild, das du noch nicht gemacht hast und das du gerne mal machen würdest?
Ja, da stellt sich natürlich die Frage, ob Bilder präkonzipiert sind oder nicht. Also, ich glaube, dass Bilder schon präkonzipiert sind. Aber wenn du mich nach einem bestimmten Motiv fragst, muss ich fast nein sagen. Wenn ich jetzt an die Ukraine denke: Ich kann mir ja nicht wünschen, einen Menschen in einer schwierigen Situation abzubilden, weil ich ja nicht will, dass der in dieser schwierigen Situation ist.
Was ich tatsächlich gerne fotografiere und auch immer wieder gerne fotografieren würde, sind – wie gesagt – Flusslandschaften. Ich könnte mir vorstellen, dass ich in der Mündung des Donau-Deltas viel Zeit verbringe, einfach um das Wasser zu fotografieren oder dort diese schwimmenden Inseln oder Fischer. Also immer gerne mit Flüssen.
Aber ein spezielles Motiv, eine spezielle Situation – da drängt sich mir sofort der Gedanke an die Ukraine auf, an Krieg und Konflikt. Und da kann ich mir natürlich nicht wünschen, ein bestimmtes Motiv zu fotografieren.
Was hältst du von der Debatte um Bildästhetik in der Kriegsfotografie? Darf ein Foto schön sein, wenn es Grauen zeigt?
Ich finde, Bilder sind meistens, wenn sie gut gemacht sind, schön. Ich weiß nicht, ob ich viel mehr darüber diskutieren sollte, ob es zulässig ist, mit einer sehr bewussten Ästhetik bestimmte Sachen zu exaltieren oder einen bestimmten Sachverhalt durch die Ästhetik in einem Sinne propagandistisch darzustellen.
Das kann man, glaube ich, trennen von der Frage, ob eine Katastrophe, eine schlimme Situation in einem Krieg oder Konflikt in einem schönen Bild dargestellt wird. Ich glaube, das sind zwei verschiedene Sachen. Denn oft können wirklich schlimme Realitäten in einem schönen Bild dargestellt werden – und genau das ist dann der doppelte Boden, die doppelte Bedeutung.
Mir fällt da ein Bild ein, das ich gemacht habe, von einem Minenfeld am Flussufer. Es hat eine außerweltliche Schönheit – aber es ist eben ein tödliches Minenfeld.
Es ist also weniger der Widerspruch zwischen der Schönheit des Bildes an sich und dem Dargestellten, als vielmehr dem Einsatz von ästhetischen Mitteln zum Erreichen eines bestimmten Zwecks oder zur Überhöhung oder Degradierung von Sachverhalten, dass dieses Bild dann propagandistisch oder stereotyp eingesetzt wird.
Sprichst du mit den Menschen, die du fotografierst, über deine Veröffentlichungen und, wenn ja, wie reagieren sie?
In der Ukraine ist es natürlich nicht so schwierig, weil die Menschen wollen, dass diese Bilder gezeigt werden. Es gibt da keine Vorbehalte, solange sie in einem Magazin, in einem Buch oder in einer seriösen Veröffentlichung erscheinen. Aber natürlich sage ich immer dazu, dass die Bilder dazu gedacht sind, veröffentlicht zu werden – und dass sie in sozialen Medien nur insofern gezeigt werden, als sie Teil meiner Arbeit sind, nicht zweckentfremdet. Aber wo sie letztlich erscheinen, kann ich oft nicht sagen. Bis auf wenn ich jetzt für das Rotary Magazin oder für Amnesty International oder für Capital unterwegs bin. Sonst weiß ich ja noch nicht, welches Magazin konkret ein Bild veröffentlichen wird.
Ich würde sagen, in deiner Fotografie verbindest du oft politische Ereignisse mit intimen Porträts. Wie gelingt dir dieser Balance-Akt?
Das sind die Auswirkungen der Politik. Die erreichen uns ja auch im privaten Leben. Und deshalb ist es sehr wichtig, sich damit zu beschäftigen und sich nicht zu solchen Aussagen hinleiten zu lassen wie: „Politik interessiert mich nicht.“ Natürlich interessiert einen Politik, weil sie direkte Auswirkungen auf das Leben hat. Politik beziehungsweise das, was durch Politik bewirkt oder ausgelöst wird, ist in dem Fall ein bewaffneter Konflikt, der schon über Jahre dauert, mit Tod, Armut, Ungleichheit, Migration.
Wie wichtig ist da für dich das fotografische Format, zum Beispiel Schwarz-Weiß im Gegenzug zu Farbe?
Ich habe schon ein besonderes Verhältnis zu Schwarz-Weiß, weil ich ja analog begonnen habe. Damals haben wir natürlich noch selbst entwickelt und vergrößert, und Schwarz-Weiß war eigentlich das Einzige, das praktisch und finanziell möglich war. Wir waren selbst im Labor, haben die Filme entwickelt und Abzüge gemacht.
Seit es digital so möglich ist und technisch so gut funktioniert, fotografiere ich dokumentarische Themen aber in Farbe. Schwarz-Weiß bedeutet natürlich eine gewisse Abstraktion und erlaubt vielleicht ein ganz anderes Arbeiten. Man muss anders sehen. Das merke ich jetzt wieder, wenn ich diese Bilder für die Galerien und Hotels fotografiere: Man muss anders denken, und Schwarz-Weiß funktioniert ganz anders. Ein Bild funktioniert nicht gleichzeitig in Schwarz-Weiß und in Farbe, im Gegenteil.
Bei meinen aktuellen, wichtigen Dokumentarprojekten habe ich mich die letzten Jahre daran gewöhnt, in Farbe zu arbeiten. Obwohl ich mir durchaus vorstellen könnte, irgendwann wieder ein ähnliches Thema in Schwarz-Weiß zu fotografieren. Für die Ukraine passt das aber nicht mehr, sonst wäre es eine Mischung.
Tatsächlich war es so, dass ich die Geschichte in Bangladesch – All Love Eaten Up - über die Frauen dieser Insel, auf der Prostituierte mehr oder weniger selbstbestimmt leben, ursprünglich in Schwarz-Weiß konzipiert und auch fotografiert habe. Die hätte ich problemlos in Schwarz-Weiß veröffentlichen können. Leider wurde die Geschichte nie veröffentlicht, nur auf meiner eigenen Homepage beziehungsweise in einzelnen Bildern. Das ist mir bis heute ein Rätsel, weil ich dachte, so eine Geschichte würde bestimmt irgendwo auf Interesse stoßen. Vor kurzem habe ich mir die Fotos nochmal in Farbe angesehen – die RAWs – und wahrscheinlich würden die meisten auch in Farbe funktionieren. Aber andersherum, von Farbe auf Schwarz-Weiß, funktioniert es eben oft nicht.
Welche Rolle spielt für dich die Nachbearbeitung deiner Arbeiten?
Da berufe ich mich ganz klar auf die Standards, wie sie zum Beispiel beim World Press Photo Award vorgegeben sind. Ich habe meine eigenen Farben, das heißt, ich verändere Farben leicht, passe die Sättigung an und eventuell auch den Kontrast. Aber es gibt keinerlei Retusche und keine Bildmanipulation. Bilder beschneiden mache ich eigentlich nur in Ausnahmefällen – und auch das nicht besonders gern.
Was wünscht du dir von den Menschen, die deine Fotos sehen? Ist das etwa Mitleid, ist das Verständnis oder vielleicht sogar politisches Handeln?
Ja, eigentlich alles drei. Am wenigsten vielleicht Mitleid, aber Verständnis. Und daraus erwächst hoffentlich Empathie – und damit auch die Bereitschaft, so zu denken, dass man vielleicht, in kleinster Form und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, etwas tut, um etwas zu verändern. Das ist natürlich ein großer Anspruch, aber vielleicht doch möglich.
Daran anschließend: Gab es Reaktionen auf deine Arbeiten, die dich besonders bewegt oder die dich überrascht haben?
Gerade jetzt beim World Press Photo Award mit dem Gewinnerbild von Angelina hat es mich natürlich sehr bewegt. Es gab tatsächlich viele Reaktionen, die man sonst eigentlich nicht erreicht hätte, wenn dieses Bild nicht in so einem Kontext gezeigt worden wäre. Plötzlich kamen Anfragen von Menschen, die helfen wollten – etwa, ob sie vor Ort psychologische Unterstützung leisten können. Es gab eine Amerikanerin, die Geld überweisen wollte. Mit der wir dann über umständlichste Weise Geld mit Western Union in die Ukraine geschickt haben. Solche Reaktionen haben mich sehr gefreut. Und längerfristig treffe ich natürlich immer wieder Menschen, von denen ich viel Zuspruch bekomme, die mit mir über die Arbeit reden wollen und ihre Wertschätzung ausdrücken. Das bedeutet mir sehr viel, weil ich ja auch viel dafür opfere.
Und wie erlebst du die mediale Rezeption deiner Arbeit, etwa durch Ausstellungen oder Veröffentlichungen, zum Beispiel im Spiegel, in der Geo oder der Zeit?
Das ist immer eine große Ehre. Vor allem, wenn du schon Geo erwähnst: Sie haben zweimal etwas von mir veröffentlicht. Der Bildredakteur und ich, wir treffen uns immer mal wieder bei Events, wir kennen uns und sind auch freundschaftlich verbunden. Eine Veröffentlichung in Geo ist natürlich eine große Ehre. Und auch in Mare zum Beispiel – immer wieder gut. Ich sehe auch, dass die Rezeption meiner Bilder in vielen Medien und von vielen Bildredakteuren durchaus gut ist. Ich habe gute Kontakte, die mich über die Jahre immer wieder unterstützt haben, sei es mit kleineren Veröffentlichungen, die dann auch einen Beitrag zu einem größeren Projekt geleistet haben. Also ich bin eigentlich immer dankbar für Feedback und für die Rezeption von Bildredakteurinnen und Bildredakteuren in verschiedenen Medien, mit denen ich über die Zeit hinweg zuverlässig zusammengearbeitet habe.
Hast du das Gefühl, dass sich der Fotojournalismus verändert hat, etwa durch Instagram, oder sogar durch KI oder sinkende Aufmerksamkeitsspannen?
Ich glaube nicht, dass KI dort schon großen Einfluss genommen hat. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil: Vielleicht liegt gerade darin die große Chance des Bildjournalismus bzw. der dokumentarischen Fotografie in Zeiten der KI, dass wir langsamer arbeiten und Geschichten erzählen, die wirklich Bedeutung haben oder die Zeit überdauern. Im Gegensatz zum tagesaktuellen Pressejournalismus könnte genau hier eine besondere Stärke der Dokumentarfotografie in der Koexistenz mit der immer stärker aufkommenden KI liegen.
Durch Instagram gibt es natürlich eine Plattform, auf der sehr viele Fotografinnen und Fotografen ihre dokumentarische Arbeit ausstellen. Ich glaube, es ist eher durch solche Medien, dass die Resonanz in klassischen Magazinen und Zeitschriften zurückgegangen ist. Dazu kommt, dass die finanziellen Schwierigkeiten bei Magazinen und Zeitschriften so groß geworden sind, dass es immer schwieriger wird, Geschichten qualitativ gut zu produzieren und sie von Redaktionen in Auftrag geben zu lassen. Da sehe ich die eigentlichen Probleme, und da hat sich in den letzten Jahren schon sehr viel verändert – ganz zu schweigen vom Bildjournalismus vor meiner Zeit, als es noch üblich war, dass eine Magazin-Geschichte in Auftrag gegeben wurde.
Was würdest du jungen Fotograf:innen raten, die ähnliche Wege gehen wollen wie du? Wie kommt man in die Dokumentarfotografie?
Mein Weg war ja tatsächlich ein bisschen verschlungen, mit dieser Kunst- und Kunsthandwerksschule in Spanien, dann über die ersten Versuche, die mehr oder weniger finanziell erfolglos waren, über das Geschichtsstudium bis hin zur Selbstständigkeit und dem Aufbau eines Kundenstamms. Das ist eher ein unorthodoxer Weg. Aber ich glaube, für junge oder angehende Fotodokumentarfotografinnen und -fotografen gibt es natürlich den klassischen Weg über eine Universität, die in diesem Bereich ein gewisses Renommee hat. Und dann über Kontakte zu Redaktionen und durch die Beschäftigung mit eigenen, originellen Projekten einen Zugang zum Markt zu finden bzw. erste Veröffentlichungen zu bekommen. Mit originellen Themen, und vor allem unbeirrbar über einen längeren Zeitraum an etwas zu arbeiten, das wirklich etwas Besonderes ist, um es dann präsentieren zu können. Gleichzeitig ist das natürlich auch das Schwierige – nämlich nicht zu verzweifeln oder den Mut zu verlieren, sondern lange Zeit an etwas zu glauben, auch wenn man zwischendurch ganz natürlich immer wieder daran zweifelt, ob es wirklich zum Erfolg führt. Aber ich glaube, das ist wahrscheinlich der Weg, den man gehen muss, wenn man sich in diesem Bereich positionieren will.
Wenn du jetzt deine Arbeit in einem Satz beschreiben müsstest, was ist dein fotografisches Anliegen?
Mein fotografisches Anliegen ist es, Menschen, besonders in den Situationen, in denen es für sie schwierig oder existenziell schwierig wird, eine Stimme zu geben bzw. Zeugnis für sie abzulegen und sie sichtbar zu machen.