Kira Brüssau: Zwischen eisigen Wellen und Female Gaze
Von den Lofoten bis zu den Workshops bei Calumet: Kira Brüssau über Sportfotografie, kreative Freiheit und neue Perspektiven.
Fotografie ist für Kira Brüssau weit mehr als das Festhalten eines Moments. In ihren Arbeiten treffen Sport, Surf, Travel und Editorial auf ihre Wurzeln aus Design und Interior. Dabei geht es ihr nicht nur darum, wie ein Bild aussieht, sondern auch darum, welche Geschichte es erzählt und wie die Menschen darin wahrgenommen werden. Gerade in ihren Arbeiten aus dem Surf- und Sportbereich wird deutlich, wie eng für sie Ästhetik und Haltung miteinander verbunden sind.
Eine besondere Rolle spielt dabei der Female Gaze. Dabei geht es Kira nicht um einen rein weiblichen Blick auf Frauen, sondern grundsätzlich um die Art und Weise, wie Menschen vor der Kamera wahrgenommen und dargestellt werden. Im Mittelpunkt steht die Person als Individuum, mit ihrer eigenen Perspektive, Persönlichkeit und Geschichte. Statt Menschen auf ihr Aussehen oder eine bestimmte Rolle zu reduzieren, möchte Kira authentischer erzählen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Der Female Gaze ist für sie deshalb weniger eine Frage des Geschlechts vor oder hinter der Kamera, sondern vor allem eine Haltung. Gleichzeitig darf dieser Ansatz kreativer sein und sich auch einmal von klassischen fotografischen Regeln lösen, wenn dadurch ein ehrlicheres und persönlicheres Bild entsteht.
Diese Haltung kommt nicht von ungefähr. Kira ist mit den Themen, die sie fotografiert, auch persönlich eng verbunden. Sie surft selbst, reist viel und interessiert sich für andere Kulturen und persönliche Weiterentwicklung. Auch ihr Engagement für Tiere spielt eine Rolle in ihrer Arbeit. Vor zwei Jahren absolvierte sie ein Fotografie-Volontariat im Wildtierschutz in Südafrika.
Ihre Verbindung zur Fotografie begann schon früh. Mit 16 bekam Kira ihre erste Kamera, die sie fast 14 Jahre lang aktiv nutzte und auf unzähligen Reisen und Projekten begleitete. Heute arbeitet sie mit anderem Equipment, doch von ihrer ersten Kamera hat sie sich nie getrennt. Sie steht noch immer bei ihr im Regal.
Gleichzeitig kommt Kira nicht ausschließlich aus der Fotografie. In ihrem Creative Studio führt sie Fotografie, visuelle Identitäten und Interior Design zusammen. Diese unterschiedlichen Disziplinen beeinflussen sich gegenseitig und prägen ihren Blick auf Räume, Menschen, Farben und Komposition.
Gemeinsam mit Kira bieten wir bei Calumet Workshops an, in denen sie ihre Erfahrungen und ihren fotografischen Blick weitergibt. Dabei geht es nicht nur um Technik und Kameraeinstellungen, sondern vor allem um Bildsprache, Perspektive und visuelles Storytelling.
Wir haben mit ihr über den Female Gaze, ihre Verbindung zu Sport und Surf, ihre gestalterischen Wurzeln und die Projekte gesprochen, die sie besonders geprägt haben.
Hallo Kira. Du beschreibst den Female Gaze als einen wichtigen Bestandteil deiner Arbeit. Wenn du ihn in nur einem Satz erklären müsstest: Was bedeutet Female Gaze für dich?
Female Gaze bedeutet für mich weg von der Objektifizierung und hin dazu, die Geschichte der Person vor der Kamera authentisch zu erzählen.
Deine Arbeit verbindet Fotografie, Design und Interior. Wie stark beeinflussen sich diese Bereiche gegenseitig, wenn du ein neues Projekt angehst?
Für mich sind Fotografie, Interior und Design nicht unbedingt immer getrennte Disziplinen, sondern Werkzeuge derselben Haltung: dem Female Gaze. Die größte Inspiration daraus ziehe ich aus dem Reisen: dem Eintauchen in neue Kulturen, Landschaften und Stimmungen. Dabei beobachte ich, wie Orte und Menschen sich anfühlen, nicht nur wie sie aussehen.
Bei neuen Projekten bedingen sich die drei Bereiche ständig: Mein architektonischer Blick für Raum, Material und Licht fließt mit in meine Bildsprache. Gleichzeitig fange ich Räume und Menschen nicht distanziert-inszeniert ein, sondern mit einer empathischen, authentischen Perspektive. Das Branding übersetzt dieses Zusammenspiel in eine klare visuelle Identität. Am Ende teilen sie sich immer dieselbe Absicht: eine ehrliche, nuancierte Perspektive spürbar machen.
„Ich bin überzeugt davon, dass wenn man etwas mit bedingungsloser Leidenschaft macht, Erfolg darauf einhergeht“
Sport und besonders Surf spielen in deiner Arbeit eine große Rolle. Was fasziniert dich daran fotografisch und warum ist gerade dort der Female Gaze für dich so wichtig?
Ich bin selbst Surferin und mache auch generell viel Sport, das ist schonmal ein großer Faktor.
Mit dem Female Gaze gerade bei diesen Themen hat alles im November 2023 angefangen. Ich war zur Big Wave Session in Nazaré. Als der Big Wave WSL stattfand realisierte ich, dass 16 Männer teilnahmen, aber nur 2 Frauen. Trainiert haben dort etwas mehr Frauen. Und dann war mir relativ schnell klar, dass ich Frauen, gerade im Extremsport und Surfen, mehr Bühne schenken will und ihre Geschichten erzählen möchte. Ich habe drei Big Wave Surferinnen interviewt und fotografiert und es war so toll ihre Geschichten und Visionen zu hören, aber auch ihre Wahrnehmungen, wie sie sich im Line-up, bei der Vorbereitung und danach neben ihren männlichen Mitstreitern fühlen und sich gesehen fühlen.
Relativ schnell wurde mir bewusst, wie präsent dieses Thema generell im Sport ist und dass die Kamera das perfekte Werkzeug ist, daran zu arbeiten und dem Thema mehr Sichtbarkeit zu schenken.
Du bist mit vielen deiner Themen auch persönlich verbunden, surfst selbst, reist viel und hast sogar ein Fotografie-Volontariat im Wildtierschutz in Südafrika gemacht. Wie wichtig ist diese persönliche Nähe für deine Arbeit?
Ich bin überzeugt davon, dass wenn man etwas mit bedingungsloser Leidenschaft macht, Erfolg darauf einhergeht – und Empowerment ist einer der größten Erfolge, den wir in der heutigen Zeit feiern können, ob Empowerment im gesellschaftlichen Sinne oder bezogen auf den Schutz unserer Welt und Lebewesen, die sie so besonders machen. Ich brenne mit meinem ganzen Herzen für meine Arbeit und würde es mir auch nicht anders wünschen.
Was war bisher dein persönliches Lieblingsprojekt und was hat es für dich so besonders gemacht?
Anfang des Jahres war ich auf den Lofoten, um mich dort mit dem Thema Female Empowerment und Surfen in weiteren extremen Bedingungen fotografisch zu beschäftigen und hatte auch hier spannende Begegnungen und Gespräche, die den Female Gaze geschärft haben. So entstand das Projekt 68°N 6MM (Breitengrad der Location und Dicke des Wetsuit den man hier braucht).
Die Arktis zwingt dich als Fotografin dazu, alles Überflüssige wegzulassen. Bei 68°N sind die Bedingungen ebenso unerbittlich wie schön. Sie fordern nicht nur mentale Stärke, sondern auch Equipment, das am absoluten Limit funktioniert.
In der traditionellen Sportfotografie wird der weibliche Körper oft durch eine Linse von Adrenalin oder Objektivierung inszeniert. Ich habe einen anderen Weg gewählt: Die Dokumentation der stillen Stärke und der rohen Präsenz von Surferinnen. Mein Fokus lag nicht auf dem inszenierten Körper, sondern auf der Präsenz des Seins und der Resilienz in den von der Natur gestellten Gegebenheiten.
Dieser Perspektivwechsel wurzelt in Geschichten wie von Surferin Elise Wedum, die dort lebt. „Als ich das erste Mal hierher kam, um die Linke zu surfen, waren da nur Männer“, erinnert sie sich. „Ich fühlte mich klein zwischen all diesen Männern, nicht, weil sie sich so verhielten, sondern weil ich mich selbst so fühlen ließ.“ Durch den Female Gaze suche ich mit meiner Kamera den Weg von diesem „Sich-kleinFühlen“ hin zur Zugehörigkeit. Empowerment in der Arktis findet man in der Beharrlichkeit, im „immer und immer wieder“ Auftauchen. Und genau das ist der erste Ansatz für einen Perspektivwechsel.
Deine erste Kamera hast du mit 16 bekommen und sehr lange benutzt. Was hat sich seitdem an deinem Blick auf Fotografie verändert und was ist vielleicht sogar gleich geblieben?
Was gleich geblieben ist, sind die Reisen von mir, die ich dokumentiere. Als ich meine erste Kamera bekommen habe, haben wir im selben Sommer mit der Familie eine Amerika-Reise gemacht und in New York und Kalifornien sind die ersten Bilder damit entstanden. Ich war immer schon ein großer Fan von natürlichen Shots und ästhetischen aber ungeplanten Fotos, am liebsten irgendwo auf Reisen, am Meer oder anderen Kulturen. Der Female Gaze und das Interesse des Empowerments durch Fotografie hat sich Stück für Stück entwickelt und ergeben, eben durch die Kontakte im Surfen, die Beobachtungen der Geschlechterverteilung in extremen Bedingungen usw. Ich wollte immer einen Sinn hinter dem haben, was ich mache und denke, dass ich ihn damit genau gefunden habe und sich da noch ganz viel draus entwickeln kann.
Was sich auch auf jeden Fall verändert hat ist die Masse und das Gewicht haha. Meine erste Kamera war eine Olympus mit integriertem Objektiv. Später bin ich dann auf die Sony Alpha 6600 und dann auf die 7RV gewechselt. Mit der 7R V kamen dann auch die größeren Objektive wie das 200-600mm z.B. dazu. Aktuell arbeite ich aber mit Canon zusammen und werde meistens von der Canon EOS Mark 5II begleitet. Meine Favorite Objektive sind hier z.B. das 28-70mm f2, 85mm f1.2 und 100-500mm, also nicht mehr ganz so leichtes Gepäck.
Ich liebe halt auch unterschiedlichste Perspektiven, daher kommen noch eine Drohne, Waterhousing und neuerdings eine Insta360 dazu. Also langweilig wird’s auf jeden Fall nicht.
Du gibst inzwischen auch Workshops bei Calumet. Wie waren deine bisherigen Erfahrungen und welches Feedback bekommst du von den Teilnehmern?
Was ich super spannend finde: Viele Männer schreiben mir, ob sie auch an den Workshops teilnehmen dürfen, wegen dem Thema „Female Gaze“, das finde ich total schön und wichtig, dass da das Interesse da ist und nachgefragt wird. Denn Männer sind dort absolut erwünscht. Wäre der Female Gaze nur das genaue Gegenteil des Male Gaze, würden wir nur starr in die andere Richtung blicken und es würde sich gesellschaftlich nichts verändern. Zum Female Gaze und Empowerment gehören sowohl Frauen als auch Men of Quality, die sich für einen Perspektivwechsel interessieren und stark machen, denn nur gemeinsam können wir da eine Balance schaffen.
Bisher hat es super viel Spaß gemacht mit den Teilnehmern zusammen zu arbeiten und neue Dinge auszuprobieren. Gerade wenn es um eine kreativere Umsetzung geht, fühlen sich erstmal die Leute etwas überfordert, kommen dann aber in einen super Flow. Auch das gegenseitige Inspirieren und Austauschen zwischen den Teilnehmern ist total schön, denn jeder hat seine eigene Art und Weise zu fotografieren, kann aber immer noch was Neues oder Anderes aufschnappen und beimischen.
Worauf dürfen wir uns bei dir in Zukunft freuen? Gibt es Projekte, Themen oder fotografische Bereiche, mit denen du dich in nächster Zeit intensiver beschäftigen möchtest?
Ich möchte auf jeden Fall das Thema Female Gaze in der Fotografie noch viel intensiver angehen und wachsen lassen. Vor allem in Sportbereichen, die sich an der Küste abspielen, sei es jegliche Art von Wassersport oder an Land, da ist nach wie vor noch so ein großer Gap. Ich fände es auch sehr spannend diese Thematik in einem dokumentarischen Fotobuch o.ä. zu durchleuchten, Ideen habe ich einige im Kopf, mal sehen was und wann sich davon konkret was umsetzen lässt. Und wer weiß, vielleicht dabei auch auf einem anderen Kontinent. Aber da müsst ihr euch erst noch überraschen lassen!
Links:
Website von Kira Brüssau: www.kira-bruessau.com
Instagram Kanal: @kira.bruessau